Ein Blick in die Geschichte

Wie die Altweiber den Karneval formten. Fotos: RSA/Archiv & privat

 

R i e t b e r g (mad). 55 Jahre ist es her, dass sich die hiesigen Altweiber gegründet haben. Danach war in Rietberg zur Narrenzeit nichts mehr so wie vorher. Das jecke Frauenvolk sorgte für mächtig Wirbel. Wie sehr zeigen Bilder aus alten Fotoalben der Familien Bartscher und Rinke. 

Unwillkürlich muss man lachen: Die Bilder aus den jungen Jahren der Altweiber, die auch in schwarz-weiß aussagekräftige Zeitzeugen jener bunten Tage in Rietberg sind, geben einen Einblick in diese närrische Zeit. Eine Zeit, in der die Frauen anfingen, ihr eigenes jeckes Ding zu machen und merklich dazu beitrugen, den Karneval in Rietberg zu einer Marke zu formen. Das erste Kapitel der Altweiber wurde Anfang der 1960er Jahre geschrieben, als ein kleiner Trupp Frauen – bestehend aus Marietta Müller, Friedchen Bleckmann, Lehnchen Behnke, Käthe Ratsch und Else Schulz, zu denen sich schnell auch Elli Bartscher und Tia Rienke gesellten – erstmals zu Karneval durch die Straßen zog. Gemeinsam nahmen  sie 1961 das erste Mal Kurs auf das Rathaus. „Die Frauen platzten damals mitten in die Ratssitzung“, erinnert sich Marlies Rupprath. Sie kletterten auf die Tische und sorgten ordentlich für Stimmung. Ein Weiterarbeiten der Ratsherren war unmöglich. Neben den verkleideten Frauen erschien auch die Polizei im Ratssaal. „Allerdings waren es echte Polizisten“, betont Marlies Rupprath. In den Jahren danach wurden die Altweiber schon im Rathaus erwartet. Während des Umbaus des Verwaltungsgebäudes Ende der 1970er Jahre waren die Weiber gar so närrisch, dass sie statt des Rathauses das Baugerüst erklommen. Die „Umtriebe auf der Straße“ – wie der Altweiberkarneval tituliert wurde – wuchsen stetig an: Fröhlich zogen die Weiber durch die Straßen, machten ihrer Späße und zogen die Aufmerksamkeit auf sich. So sehr,  dass Mitte der 70er Jahre der WDR zur Live-Übertragung nach Rietberg kam. Über die Jahre hinweg gewannen die Altweiber immer mehr Zulauf und sie ließen sich immer wieder etwas Neues einfallen: „Wir waren ein Garant für gute Stimmung und beste närrische Unterhaltung“, sagt Kiki Golletz, die den Altweiberkarneval schon als junge Frau miterlebte. „1977/78 war das Rathaus abgerissen. Da haben wir dann einfach auf der Bühne davor eine Junggesellen-Versteigerung gemacht“, weiß Marlies Rupprath noch aus der frühen Zeit zu berichten und lacht beim Gedanken daran, dass dieser Junggeselle kein Geringerer war als der damalige Bürgermeister Hubert Deittert. Jeck gefeiert wurde viele Jahre auch in den Räumen der Sparkasse. Die Herren aus dem Elferrat mussten die Türen bewachen und hielten jedwedes Mannsvolk davon ab, die Kassenhalle zu betreten. Doch die Frauen beließen es nicht bei der internen Gaudi, sondern sie verschossen  ihre verbalen Giftpfeile in ihren berüchtigten Schmähreden. Dabei nahm die damalige Präsidentin der Altweiber, Tia Rienke, kein Blatt vor den Mund. Dann kam es zum großen Bruch zwischen dem Karnevalsverein und den Altweibern. 1982 bekamen die Weiber einen Brief vom Karnevalsverein – sogar per Einschreiben. Dieses Schreiben war ein Brief gewordener Maulkorb, denn fortan sollte die Rede stets acht Tage zuvor beim Verein abgegeben und dort zensiert werden. Der Vortrag sollte nur im Beisein des Elferrates erfolgen. Bei Nichtbeachtung drohte der Rausschmiss der Altweiber aus dem Verein. Das Kräftemessen drohte zu eskalieren, viele machten ihrem Unmut Luft. Sogar 40 Bühnenaktive des Karnevalvereins solidarisierten sich mit den Altweibern, der folgende Sitzungskarneval stand knapp vor der Absage. Schließlich beugten sich die Altweiber dem Willen der Karnevalisten, die in vielen Fällen die Ehemänner der närrischen Damen waren. Doch aufgrund dieser Bevormundung verließen viele die Altweiber. Die Präsidentinnen Tia Rienke und Elli Bartscher gaben ihre Posten, die sie seit 1963 innehatten, ab. Es folgten Christel Schüttler und Magda Schulze, die während ihrer Präsidentschaft über die 1990er Jahre hinweg die Blütezeit der Altweiber mit  mehr als 2300 Teilnehmern erleben durften. Von 2002 bis 2008 übernahm Ingrid Steiner das Präsidentinnenamt, bis 2014 dann stand Astrid Ellebracht an der Spitze. Aktuell sind noch etwa 1300 Aktive beim Umzug der Altweiber dabei. „Wenn man keinen Spaß mehr daran hat, geht man eben“, sagt Marlies Rupprath Bilanz. Auch Niki Golletz denkt mit Wehmut an die alte Zeit: „Es war früher einfach gemütlicher und es hat mehr Spaß gemacht.“ Birgit Boldt hingegen hat eine andere Erklärung für den Schwund unter den Altweibern: „Viele der Frauen, die über viele Jahre den Weiberkarneval in Rietberg mitgestaltet haben, fühlen sich langsam zu alt dafür. Sie feiern zwar gerne noch mit, aber am Umzug teilzunehmen ist ihnen auch irgendwann zu anstrengend“, sagt die 49-Jährige. Mit den jetzigen Zahlen sei sie sehr zufrieden. „Jetzt ist es eben etwas übersichtlicher und gemütlicher. Man kommt wieder mit den Leuten ins Gespräch und kann auch tanzen“, sagt sie. Im Startgeld, das im vergangenen Jahr erstmals nach längerer Zeit erhöht wurden, sieht die Präsidentin keinen Grund für den Rückgang. Auch nicht im Anmeldungsprozedere. Was früher persönlich an der Theke vereinbart wurde, läuft heute online. „Man muss mit der Zeit gehen“, stellt Boldt fest. Doch was bedeutet der Gang mit der Zeit, wenn die Seele und der Ursprung des Karnevals dabei womöglich unter die Räder kommen?