Der „Orgasmus“ als Endpunkt der Tour

Pinten- und Pättkesführer haben in nun 10 Jahren 20.000 Gäste amüsiert

R i e t b e r g (robui). Das hätten sich die Stadtführer garantiert nicht gedacht – als vor 10 Jahren die erste Pinten- und Pättkestour im kleinen Rahmen startete, da gingen die acht Aktiven davon aus, ab und zu einmal mit Gästen aus Nah und Fern durch Rietbergs schöne, alte Kneipen zu bummeln, Geschichten aus der alten Zeit zu erzählen, und, dank der kooperierenden Wirte, auch die eine oder andere hochprozentige Besonderheit zu kredenzen.
Was daraus wurde, ist eine Erfolgsgeschichte der besonderen Art, eine, wie sie wohl nur in der Emsstadt mit ihren engagierten Originalen möglich ist. Als lange vor Eröffnung der NRW-Landesgartenschau 2008 die Ausbildung ganz vieler interessierter Emsstädter zu Stadt- und Parkführern begann, da war auch Marlies Rupprath mit Feuereifer dabei. Und noch während Stadtarchivar Manfred Beine die wissbegierige Klientel mit historischem Wissen, Zahlen, Daten und Fakten befütterte, kam ihr die Idee. Bei einer Hochzeit am 22. September 2007 führte sie erstmals eigeninitia­tiv eine kleine Gruppe durch die Altstadt und gab Dönekens zu den einst fast Tür-an-Tür liegenden Gastrobetrieben mit ihren urigen Spitznamen zum Besten. Bei der Stadt habe man eine Themenführung in dieser Form damals „nicht so gern gesehen, die dachten, wir wollten die Leute zum Trinken animieren“, schmunzelt Rupprath, die im Folgejahr zunächst Hartwin Stüwe als weiteren Führer für die Idee gewinnen konnte. Und in den Folgejahren kamen Karin Hökenschnieder, Gerd Muhle, Klaus Stücker, Christa Honnerlage, Brunhilde Kohls und Ute Merschbrock hinzu, denn: Die Resonanz war so gewaltig, dass die Pintentour auf mehr und mehr Schultern verteilt werden musste. 10 Jahre nach der Premiere sind es bereits 2.000 Führungen, mittlerweile im minimum 250 pro Jahr. Tendenz? Weiter steigend. Dieses Angebot ist das meistgefragte unter den 11 Themenführungen, die zusammen in 2016 genau 1.257 Gruppenbuchungen notieren konnten.
Nimmt man einen Schnitt von 10 Teilnehmern, dann sind es 20.000 Menschen aus Ostwestfalen-Lippe, aus dem Ruhrgebiet, aus Niedersachsen und Hessen, aber auch aus China und Italien, Spanien und Japan, Frankreich, den USA, Kroatien, Holland und Polen. Was alle eint, der „Orgasmus“ am Ende der Rundtour. Also rund 20.000 „Orgasmen“ haben die Kneipenführer mittlerweile den touristischen Gästen, den Vereinsmitgliedern und Kegelclubs beschert. Ein Schelm, wer Argwöhnisches dabei denkt, denn: ein Getränk diesen Namens bildet, wie Marlies Rupprath formuliert, „den Höhepunkt der abendlichen Führung.“ Die anderen Schluckvariationen heißen Gambrinus und Stichpimpoli Bockforcelorum, Moesenwind, Mocka-Pascha und Co.
Jede Kneipe hat ihre eigene Version, und die dürfen die Gäste natürlich gerne probieren.
Rund 2,5 Stunden dauert eine Tour, die nicht nur durch die Rathausstraße, sondern auch die nebenliegenden Gassen führt und so manch spezielle, überlieferte Rietberger Geschichte ans Tageslicht bringt. Die vom bei der Taufe in der Pinte vergessenen Stammhalter beispielsweise, oder auch die von sturztrunkenen Bauern, die ans falsche „Pferdenavi“ gesetzt wurden. Die Dönekens der Stadtführer sind schlichtweg nicht wirklich schriftlich wiederzugeben, man muss sie gehört haben an jenen Orten, an denen sie einst so oder so ähnlich geschehen sind. „Zur Hölle“, „Zum guten Hirten“, „Zum schlafenden Wirt“, oder auch „Hotel Alpenblick“ hießen die Bei­namen für die Kneipen damals, aus guten Gründen.
Warum? Die muntere Truppe verrät das gerne persönlich und hat einladend auch schon einen Trinkspruch für kommende Teilnehmer parat: „Der Kopf tut weh, die Füße stinken, es wär mal Zeit nen Schnaps zu trinken.“