Aufgeben? Niemals: Ein Stehaufmann will es wissen

Der steinige Weg zurück ins alltägliche Leben – Bernhard und Karin Kleinemeier sind Kämpfer

Aufgeben ist keine Option:Bernhard und Karin Kleinemeier wollen die schrecklichen Erlebnisse hinter sich lassen. Fotos (2): G

Westerwiehe (GG). Einmal wieder in den Urlaub. Momente voller Sorglosigkeit, grenzenloser Freiheit und Entspannung erleben. Spanien wäre toll. Doch ein übermächtiger Gegner verhindert derzeit noch alles. Es ist die Angst, die Karin Kleinemeiers Seele, Denken und Handeln beeinflusst. Nahezu 24 Stunden am Tag. Angst vor Verlust, unkontrollierbaren Situationen, Angst vor neuen, niederschmetternden Nachrichten, Angst um ihren geliebten Mann.
Dabei sind Bernhard (64) und Karin Kleinemeier (68) aus Westerwiehe nicht nur ein eingespieltes Duo, sondern auch echte Kämpfer. Ein Ehepaar, dass das vor 25 Jahren geleistete Eheversprechen wie kaum jemand lebt. Als sie im Mai 1993 heirateten, ahnte niemand, dass sie fünf Jahre später einen scheinbar nicht enden wollenden Leidensweg beschreiten werden, der bis heute andauert. In den Hauptrollen Karin Kleinemeier, die mit übermenschlichen Kräften für

„Ich gelobte Treue in guten wie in schlechten Zeiten.“

ihren Mann kämpft und Bernhard Kleinemeier, der trotz vielerlei körperlicher Einschränkungen und Defizite, riesig Lust aufs Leben hat.
Damals, 1998, wurde Bernhard Kleinemeier abrupt aus seinem bisherigen Leben gerissen. Mit dem Rettungswagen, aufgrund des Verdachtes auf einen Schlaganfall, ins Städtische Klinikum eingeliefert, begann eine Odyssee. Denn statt eines Schlaganfalls diagnostizierten Ärzte die auf einem Röntgenbild entdeckten Rundherde in der Lunge als Krebs. Weil es dem Westerwieher aber immer schlechter ging, wurden weitere Untersuchungen durchgeführt. Zwei Wochen später wurde festgestellt, dass er vom Klinikteam unbemerkt mehrere Schlaganfälle im Kleinhirn erlitten hatte. Bernhard Kleinemeier war ein körperliches Wrack. Er konnte nicht mehr schlucken, sprechen und nur schwer atmen. An Bewegen und Laufen überhaupt nicht zu denken. Ärzte gaben der Familie keine Hoffnung. „Es war eine unvorstellbare schlimme Zeit“, erinnert sich Karin Kleinemeier. Sie gab ihren „Berni“ nicht auf, sondern nahm das Schwert der Streitbarkeit, des geschliffenen Wortes und der oftmals mit Nachdruck eingeforderten Rechte in die Hand und kämpfte. Gegen oftmals nicht nachvollziehbare Krankenkassenentscheidungen und für Bewilligungen von Reha-Maßnahmen, Medikamenten, Unterstützungen, Heilnachbehandlungen und Kostenübernahmen.

In kleinen Schritten kämpft er sich ins Leben zurück

Und für Anerkennung, Akzeptanz, Respekt und Verständnis. Karin Kleinemeier wurde zum Schrecken aller Ärzte und Krankenkassen. Über Tag wachte sie mit Argusaugen über die bestmögliche Versorgung und Lebensqualität ihres Mannes. Nachts, wenn sie vor Sorge mal wieder nicht schlafen konnte, machte sie sich über Ansprüche und Rechte kundig. „Heute macht mir keiner mehr was vor“.
Zwei Reha-Maßnahmen und privat gezahlte Therapien folgten. Aufgeben war einfach keine Option. Acht Monate später stellte sich heraus, dass der angebliche Lungenkrebs lediglich Wasserrückstände in der Lunge waren. Ende 2001 erreichte Karin Kleinmeier, dass ihr schwerstbehinderter Mann für eine Anschlussheilbehandlung in die Eichholz-Klinik nach Bad Waldliesborn durfte. Neben einem wunderbaren Team, waren es auch die erstklassigen, modernen und ein auf seine Möglichkeiten abgestimmtes Therapieprogramm, das den von Bernhard Kleinemeier mit unbeirrbarem Willen und eisernen Disziplin angestrebten Genesungsprozess langsam aber stetig vorantrieb. Durch seinen ungebrochenen Willen verbesserte sich das Sprechen, Bewegungskoordinierungen und das Laufen. Karin Kleinemeier ist bis heute von dem unermüdlichen Engagement des Klinikteams von tiefer Dankbarkeit erfüllt. Gleichzeitig fand Bernhard Kleinemeier seinen Weg in den 2008 gegründeten Rehabilitationssport-Verein im Gesundheitszentrum Bad Waldliesborn. „Mittlerweile unsere zweite Heimat“. Über die Jahre wurde aus dem Rollstuhlfahrer ein Rollatorgeher. „Dabei hatte einst niemand gedacht, dass ich je wieder laufen werde“, erinnert sich Bernhard Kleinemeier. 2017 entdeckte man bei einer Gefäßuntersuchung Verstopfungen in den Beinarterien. Bei einer Routinekontrolle wurde plötzlich ein poröses und damit lebensbedrohliches Aneurysma sichtbar. Weitere OPs folgten.
Mittlerweile kann Bernhard
Kleinemeier am Rollator laufen, eigenständig auf sein Trimmrad steigen und mit einem speziellen Sitzhocker durch die behindertengerecht umgebaute Wohnung rollen. Um diesen Zustand zu erhalten, muss er bis an sein Lebensende täglich mehrere Stunden eisern trainieren.
Nach ihren Wünschen für das neue Jahr gefragt, erklären die Eheleute, dass sie sehnlichst hoffen, das wenigstens die derzeitige Mobilität noch lange erhalten bleibt. Und vielleicht

 

noch einmal die Malediven erleben. „Doch daran ist nicht zu denken, denn der lange Flug wäre einfach zu anstrengend“. Und dann ist da noch die fatale Macht der Angst, die die Seele der Kämpferin verdunkelt. Angst, dass wieder etwas mit ihrem Berni passieren könnte. „Für den Anfang wäre ja schon eine Reise nach Mallorca toll. Und langfristig einfach mal keine Angst mehr haben“, so Karin Kleinemeier. Bleibt zu wünschen, dass mit dem neuen Jahr auch jene Zeit kommen wird, an der Bernhard und Karin Kleinemeier erfahren, dass es sich gelohnt hat zu kämpfen.
Stolz sind die Eheleute auf ihren Sohn Mario Kleinemeier. Er wurde Anfang März zum neuen Bundesmeister des Bezirksverband Wiedenbrück im Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften gewählt. Viel Freude bereitet Bernhard und Karin Kleinemeier zudem das Miteinander mit Enkelin Leonie, Tochter von Mario und Sandra Kleinemeier.