Alter Bahnhof muss Lidl-Plänen weichen

Das historische Gebäude wurde innerhalb von wenigen Tagen abgerissen

Rietberg (sst). Der Supermarktriese lässt das Gebäude, das viele noch aus der Zeit des „Senne­blitzes“ kennen, für eine eigene Erweiterung dem Erdboden gleichmachen. Der 1902 erbaute Bahnhof war Station auf der damaligen Strecke Paderborn-Wiedenbrück, auf der neben Personen und Gütern auch Panzer zum Sennelager transportiert wurden.
Um dem Wunsch nach Vergrößerung des angrenzenden Discounters zu entsprechen, muss der alte Bahnhof nun weichen. Das 1975 stillgelegte Bahnhofsgebäude beherbergte zuletzt die Warenausteilung der Caritas. Nach dem die Sozialorganisation in ehemalige Räume der Heinrich Kuper GmbH umgezogen war, will der Lebensmittelriese Lidl nun seine Ausweitung an der Bahnhofsstraße zwischen Rietberg und Neuenkirchen vorantreiben. Entgegen den Vorhaben der Mitbewerber Aldi und Netto, die sich an anderen Standorten großflächiger aufstellen möchten, will Lidl sich an gleicher Ort und Stelle mit einem Marktneubau vergrößern. Dass für Lidls Expansionspläne der alte Bahnhof weichen muss, ist stadthistorisch gesehen ein herber Verlust. Schließlich ist das alte, nicht unter Denkmalschutz stehende, Gebäude ein Überbleibsel der ehemaligen Bahnverbindung zwischen Wiedenbrück und Paderborn. Der in der Bevölkerung als „Senneblitz“ bekannte Zugverkehr kann dabei auf eine lange Historie zurückblicken. Schon weit bevor die ersten Züge rollten, machte sich Friedrich Ludwig von Tenge (Rietberg) ab 1832 stark dafür, dass Rietberg eine Station auf der begehrten Gütersloher Strecke bekam. Jahrelang konkurrierte er mit dem Rhedaer Fürsten zu Bentheim Tecklenburg. Aber aufgrund geringerer Kosten und der größeren Nähe zu Rheda entschied 1845 der König gegen Rietberg und verwehrte der Emsstadt damit eine wirtschaftlich bedeutende Anbindung auf der Strecke Dortmund-Bielefeld. Stattdessen wurde die Station auf der Strecke von Wiedenbrück nach Paderborn errichtet und aufgrund der vehementen Forderung von Neuenkirchener Gewerbetreibenden 1903 (ein Jahr nach der Eröffnung) in „Rietberg-Neuenkirchen“ umbenannt. Als am 31.3.1958 der letzte Personenzug auf der Sennestrecke fährt, wird die Strecke danach aufgrund zu geringer Nachfrage eingestellt und nur noch für den Güter- oder Truppentransport genutzt. Der geschichtsinteressierte Neuenkirchener Wolfgang Körkemeier erinnert sich noch an die Panzer, die von Münster über Rietberg zum Übungsplatz Sennelager transportiert wurden: „Da wurden nicht nur die Schranken auf der Straße heruntergefahren. Sogar Soldaten, mit Stahlhelmen und Maschinengewehren ausgerüstet, bewachten das teure Transportgut.“ Doch nachdem auch der Warentransport auf der Strecke mit den vielen kleinen Anschlussstellen, wie zum Beispiel der Firma Bollweg, nicht mehr rentabel war, wurde 1979 zuerst die Güterverkehrsstrecke zwischen Sennelager und Delbrück eingestellt, ehe dann 1990 auch auf der Restgüterverkehrsstrecke zwischen Wiedenbrück und Delbrück der letzte Zug rollte.